Corpus Terra
Ein Ritual aus Schatten, Erde und Erinnerung
Zu sehen mit der Wanderausstellung De Meninas Va — Sala de Plens, Rathaus von Andratx, Mallorca; ab Oktober in der Sala del Rosser, Ciutadella, Menorca.
Das Projekt entspringt der hintersten Ebene von Las Meninas, wo José Nieto in einer offenen Tür erscheint — im Kommen, im Gehen, oder vielleicht nur beobachtend. Diese Ambivalenz wurde zum Ausgangspunkt einer Arbeit, die den Künstler mit dem Territorium verbindet, den Körper mit seiner Spur, die Gegenwart mit dem, was bleibt.
Für Corpus Terra verwendete ich Erde aus Sa Pobla — Ackererde, fruchtbar, beladen mit Leben und Erinnerung — und mischte sie mit einem Tropfen meines eigenen Bluts. Aus diesen beiden elementaren Materien gewann ich eine Tinte, um eine menschliche Figur zu drucken, die kein Porträt ist, sondern ein Abdruck. Die Silhouette entstammt einer rituellen Handlung: Ich legte mich auf ein Papier von den Maßen des Gemäldes von Velázquez (320,3 × 279,1 cm) und wurde mit Erde bedeckt, wie zu einer Bestattung. Jener Schatten, jene Leere, wird zum Zentrum jeder der fünf Grafiken, entstanden im Maßstab 1:4 als limitierte Siebdruck-Edition.
Diese Arbeit handelt nicht vom Porträt, sondern vom Übergang, von der Spur — von dem, was vergeht und was bleibt. Eine Gegenwart, die nicht mehr zu sehen ist, ohne die aber nichts möglich gewesen wäre.
Der Prozess
Die Entstehung von Corpus Terra, Sa Pobla, 2025 — die rituelle Handlung, die Tinte aus Erde und Blut und die Siebdruck-Edition. Fünf Grafiken im Maßstab 1:4 von Las Meninas (Original: 320,3 × 279,1 cm).
Warum José Nieto?
Wir alle kennen die großen Protagonisten von Las Meninas: die Infantin, die Hofdamen, Velázquez selbst und das Spiegelbild des Königspaars im Hintergrund. Doch ganz hinten im Bild, beinahe fehl am Platz, steht ein Mann in einer offenen Tür. Dieser Mann ist José Nieto, der Verwalter der königlichen Gemächer. Er ist kein Adliger, kein Künstler, kein Kind. Und doch ist er es, der den Fluchtpunkt besetzt, das Zentrum der Perspektive, den Aus- und Eingang des Lichts.
Als ich begann, Las Meninas zu studieren, um ein zeitgenössisches Werk nach diesem Gemälde zu schaffen, richteten alle den Blick auf die Infantin oder auf Velázquez. Mich aber ließ die Figur nicht los, die niemand kennt. Was tut er dort? Kommt er? Geht er? Oder schaut er nur? Wir wissen es nicht. Und dieses Nichtwissen hat mich am meisten gefangen genommen. José Nieto verkörpert den Moment vor der Handlung, den Augenblick reinen Bewusstseins, das Dasein. Er ist es, der den Raum hält, ohne ihn zu beanspruchen.
Zeichnet man die Herzen der Hauptfiguren auf das Gemälde, so bilden sie die Struktur einer Konstellation — und merkwürdigerweise ist es Nietos Herz, das die Form ins Gleichgewicht bringt. Er ist das verborgene emotionale Zentrum des Bildes. Dieses symbolische Detail bestärkte mich darin, ihn zum Kern meines Projekts zu machen.
Corpus Terra will das Gemälde nicht nachbilden, sondern eine neue Lesart eröffnen — von der Abwesenheit her, von der Figur, die niemand ansieht und die doch die ganze Komposition trägt. Es spricht auch vom Künstler, der wie Nieto so oft an der Schwelle steht, zwischen Gegenwart und Verblassen, zwischen der Geste und dem Verschwinden. Ohne Nietos Schritt hat das Bild keinen Ausgang. Ohne den Schritt des Künstlers gibt es kein Werk.
Wo zu sehen
- Ausstellung
- De Meninas Va — Wanderausstellung, Balearen
- Jetzt zu sehen
- Sala de Plens, Rathaus von Andratx, Mallorca
- Ab Oktober
- Sala del Rosser, Ciutadella, Menorca
- Tour 2026
- Casa de Cultura, Felanitx · Centre d’Art Sa Quartera, Inca · Sant Crist, S’Arracó · Sala de Plens, Ajuntament d’Andratx
- Erstmals gezeigt
- Can Corró, Sa Pobla, 2025